Zuerst waren es Kleinigkeiten: eine Einladung, die nicht ankam, ein Gespräch, das verstummte, als sie den Raum betrat. Dann Informationen, die sie nicht mehr erreichten, Aufgaben unterhalb ihrer Qualifikation, Bemerkungen über ihre Arbeit im Beisein anderer. Nach einem halben Jahr fragt sie sich, ob sie sich das alles einbildet.
Diese Frage gehört zum Muster. Mobbing besteht selten aus einem großen Vorfall, sondern aus vielen kleinen, die jeder für sich harmlos wirken und erst in der Summe ihre Wirkung entfalten. Der Arbeitspsychologe Heinz Leymann, der das Thema in den 1980er-Jahren untersuchte, sprach von Handlungen, die über mindestens ein halbes Jahr und etwa wöchentlich auftreten. Die Folgen sind erheblich: Schlafstörungen, Angst, Erkrankungen, oft der Verlust des Arbeitsplatzes – und zwar meist des Betroffenen, nicht des Handelnden.
Woran es sich erkennen lässt
Vier Merkmale unterscheiden Mobbing von einem Konflikt:
- Es ist einseitig In einem Konflikt handeln beide Seiten. Bei Mobbing gibt es eine Person, gegen die sich alles richtet, und sie kommt aus der Lage nicht heraus.
- Es wiederholt sich systematisch Über Wochen und Monate, nicht einmalig. Die Einzelhandlung ist oft unscheinbar – Ausschluss von Informationen, Gerüchte, Abwertung der Arbeit, ständige Kritik.
- Es besteht ein Machtgefälle Durch Position, durch Anzahl oder dadurch, dass sich niemand auf die Seite der Betroffenen stellt. Geht es von Vorgesetzten aus, spricht man von Bossing.
- Die Wahrnehmung wird infrage gestellt „Du bist zu empfindlich“, „das war doch nicht so gemeint“. Genau das lässt Betroffene an sich selbst zweifeln – siehe Gaslighting.
Was hilft
Wichtig vorweg: Ein Klärungsgespräch zwischen den Beteiligten ist hier nicht das Mittel. Es setzt Gleichrangigkeit voraus, die es nicht gibt, und geht regelmäßig zulasten der betroffenen Person. Was tatsächlich hilft:
- Dokumentieren, ab sofort Ein Mobbing-Tagebuch mit Datum, Uhrzeit, Ort, Beteiligten, Zeugen und dem, was genau geschehen ist – sachlich, ohne Bewertung. Das ist der wichtigste Schritt: Es macht das Muster sichtbar, das sonst nicht zu belegen ist, und es hilft gegen die eigenen Zweifel.
- Verbündete und Stellen einschalten Betriebs- oder Personalrat, Schwerbehindertenvertretung, Betriebsarzt, Vorgesetzte einer Ebene darüber, Gewerkschaft. Betroffene versuchen es oft zu lange allein – Mobbing endet aber fast nie von selbst.
- Die eigene Gesundheit sichern Hausarztpraxis aufsuchen und die Belastung ansprechen, eine psychosoziale Beratungsstelle nutzen, Krankschreibung ernst nehmen. Für rechtliche Fragen gibt es Fachanwälte für Arbeitsrecht und die Beratung der Gewerkschaften. Bei Verzweiflung: Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenlos.
Mobbing, Konflikt und schlechtes Betriebsklima
Ein Konflikt ist wechselseitig, hat einen Gegenstand und lässt sich klären. Ein schlechtes Betriebsklima trifft alle und ist unangenehm, richtet sich aber gegen niemanden persönlich. Mobbing ist einseitig, systematisch und gegen eine bestimmte Person gerichtet. Die Unterscheidung ist wichtig, weil die Mittel verschieden sind: Der Konflikt braucht ein Gespräch, das Klima braucht Regeln, Mobbing braucht Schutz und eine Entscheidung von oben. Wer Mobbing als Konflikt behandelt, verlängert es. Rechtlich ist Mobbing kein eigener Straftatbestand, einzelne Handlungen können aber strafbar sein, und Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht.
Kurz zusammengefasst
Mobbing am Arbeitsplatz besteht aus feindseligen Handlungen, die sich über längere Zeit wiederholt gegen dieselbe Person richten – einseitig, systematisch und mit einem Machtgefälle. Die Einzelhandlung wirkt meist harmlos; die Wirkung entsteht aus der Summe, weshalb Betroffene typischerweise an der eigenen Wahrnehmung zweifeln. Ein Klärungsgespräch zwischen den Beteiligten ist nicht das Mittel, weil es eine Gleichrangigkeit voraussetzt, die nicht besteht. Wirksam sind: ab sofort sachlich dokumentieren, Verbündete und zuständige Stellen einschalten – Betriebsrat, Betriebsarzt, übergeordnete Führung, Gewerkschaft – und die eigene Gesundheit sichern, ärztlich wie beraterisch. Mobbing endet fast nie von selbst.
Die eigene Linie wieder spüren und vertreten – ein Baustein, kein Ersatz für Unterstützung von außen.
Für wiederkehrende Bemerkungen: ruhig antworten und deutlich machen, dass der Angriff bemerkt wurde.
Für Führungskräfte: früh erkennen, ob es ein Konflikt ist oder etwas anderes – und im zweiten Fall anders handeln.





