Logo Akademie Deines Lebens Akademie Deines LebensAlexander AmannOnlinekurse, Audiokurse & E-Books
Lexikon · Arbeit und Gesundheit

Compassion Fatigue

Compassion Fatigue, auf Deutsch Mitgefühlserschöpfung, bezeichnet die Erschöpfung, die entsteht, wenn jemand über lange Zeit das Leid anderer mitträgt. Sie trifft nicht die Gleichgültigen, sondern die Zugewandten – und kündigt sich oft dadurch an, dass die Anteilnahme nachlässt.

  • Compassion Fatigue
  • Mitgefühl
  • Erschöpfung
  • Selbstfürsorge

Wer einen kranken Angehörigen pflegt, wer beruflich mit Not zu tun hat, wer in der Nachbarschaft der Mensch ist, bei dem alle anklopfen: Irgendwann kommt ein Moment, in dem eine traurige Geschichte nichts mehr auslöst. Kein Mitgefühl, keine Regung, nur der Wunsch, dass es aufhört. Und unmittelbar danach das schlechte Gewissen darüber.

Dieser Zustand hat einen Namen. Der Psychologe Charles Figley beschrieb ihn in den 1990er-Jahren als Compassion Fatigue – die Erschöpfung des Mitgefühls durch die dauerhafte Nähe zum Leid anderer. Wichtig daran ist: Es ist kein Charakterfehler und kein Zeichen von Kälte, sondern die Folge davon, dass jemand lange zugewandt war, ohne dass etwas nachgefüllt wurde. Betroffen sind Pflegende und Helfende ebenso wie Menschen, die privat einen Angehörigen begleiten.

Woran es sich erkennen lässt

Die Zeichen unterscheiden sich von gewöhnlicher Müdigkeit:

  • Die Anteilnahme lässt nach Geschichten, die früher berührt haben, laufen ab wie Nachrichten. Häufig fällt das zuerst anderen auf, nicht einem selbst.
  • Bilder bleiben hängen Szenen, die nicht die eigenen sind, kehren wieder – beim Einschlafen, beim Autofahren. Das unterscheidet Compassion Fatigue am deutlichsten von Erschöpfung durch Arbeitsmenge.
  • Rückzug und Gereiztheit Kontakte werden vermieden, gerade zu Menschen, die etwas brauchen könnten. Kleinigkeiten lösen unverhältnismäßigen Ärger aus.
  • Schuldgefühle über die eigene Kälte Der Zustand wird als persönliches Versagen gedeutet – und genau diese Deutung verhindert, dass jemand sich Entlastung holt.

Was hilft

Drei Dinge wirken – und keines davon heißt, weniger zu fühlen:

  1. Vom Mitleiden zum Mitgefühl Der wichtigste Unterschied: Geteiltes Leid erschöpft, Mitgefühl richtet dieselbe Anteilnahme auf Zuwendung und hält länger. Praktisch heißt das, den inneren Satz zu wechseln – von „wie schrecklich“ zu „was braucht dieser Mensch jetzt, und was kann ich tun“. Mehr dazu unter Mitgefühl.
  2. Abschließen statt mitnehmen Ein festes Ritual am Ende eines belastenden Tages: Hände waschen mit einem bewussten Gedanken, ein kurzer Weg an der frischen Luft, ein Satz zu jemandem, der versteht. Ohne Abschluss wandert das Erlebte mit und häuft sich über Monate.
  3. Nicht allein tragen Regelmäßiger Austausch mit Menschen in einer ähnlichen Lage – kollegial, in einer Angehörigengruppe oder in Supervision. Das ist der am besten belegte Schutz, und er wirkt vorbeugend, nicht erst im Notfall.

Compassion Fatigue, Burnout und Trauma

Burnout entsteht aus Arbeitsmenge, Zeitdruck und fehlender Erholung und richtet sich auf die Tätigkeit insgesamt. Compassion Fatigue entsteht aus der Nähe zum Leid und richtet sich auf die Menschen, um die es geht – deshalb kann sie auch jemanden treffen, der sonst zufrieden mit seiner Arbeit ist. Beides tritt häufig zusammen auf. Kehren Bilder ungewollt wieder, ist der Schlaf dauerhaft gestört oder treten Schreckhaftigkeit und Vermeidung auf, kann eine sekundäre Traumatisierung dahinterstehen – das gehört ärztlich oder psychotherapeutisch abgeklärt und nicht in die Selbsthilfe.

Kurz zusammengefasst

Compassion Fatigue oder Mitgefühlserschöpfung ist die Erschöpfung, die durch die dauerhafte Nähe zum Leid anderer entsteht – bei beruflich Helfenden ebenso wie bei Menschen, die privat jemanden begleiten. Sie trifft die Zugewandten, nicht die Gleichgültigen, und zeigt sich daran, dass die Anteilnahme nachlässt, fremde Bilder hängen bleiben, Rückzug und Gereiztheit zunehmen und Schuldgefühle über die eigene Kälte entstehen. Was hilft, ist nicht weniger zu fühlen, sondern der Wechsel vom Mitleiden zum Mitgefühl, ein festes Ritual zum Abschließen belastender Tage und regelmäßiger Austausch mit Menschen in ähnlicher Lage. Wenn Bilder ungewollt wiederkehren und der Schlaf dauerhaft leidet, gehört das fachlich abgeklärt.

Dazu passt

Alle Begriffe im Lexikon