Zwei Kolleginnen übernehmen zum ersten Mal die Leitung eines Teams. Beide sind gleich gut ausgebildet. Die eine denkt: „Das wird anstrengend, aber ich kriege das hin.“ Die andere: „Hoffentlich merkt niemand, dass ich keine Ahnung habe.“ Der Unterschied liegt nicht im Können, sondern in der Erwartung an das eigene Können – und diese Erwartung entscheidet mit, wer nachfragt, wer durchhält und wer nach dem ersten Fehler aufgibt.
Der Psychologe Albert Bandura hat dafür den Begriff Selbstwirksamkeitserwartung geprägt. Sie ist eine der am besten untersuchten Größen der Psychologie und hängt mit Durchhaltevermögen, Gesundheit und Zufriedenheit zusammen. Das Entscheidende für die Praxis: Sie ist kein Persönlichkeitsmerkmal, mit dem man geboren wird, sondern das Ergebnis von Erfahrungen – und Erfahrungen lassen sich herstellen.
Woran es sich erkennen lässt
Selbstwirksamkeit speist sich nach Bandura aus vier Quellen, geordnet nach ihrer Wirkung:
- Eigene Erfolge Die mit Abstand stärkste Quelle. Etwas selbst geschafft zu haben, überzeugt mehr als jedes Argument – vorausgesetzt, es war anstrengend genug, um zu zählen.
- Beobachtung an Ähnlichen Jemanden erleben, der es geschafft hat und einem ähnlich ist. Deshalb wirken Kolleginnen als Vorbild stärker als unerreichbare Könner.
- Zuspruch Ermutigung von Menschen, deren Urteil zählt. Wirksam, aber schwächer – und wirkungslos, wenn sie der eigenen Erfahrung widerspricht.
- Der eigene Zustand Wer erschöpft ist, traut sich weniger zu. Deshalb ist Erholung keine Nebensache, sondern Teil des Zutrauens.
Was hilft
Wer Selbstwirksamkeit aufbauen will, arbeitet an der ersten Quelle – alles andere ist nachrangig:
- Aufgaben in erreichbare Stufen teilen Zu große Schritte erzeugen Misserfolge und schwächen genau das, was aufgebaut werden soll. Die richtige Größe ist die, bei der der Erfolg wahrscheinlich, aber nicht sicher ist.
- Erfolge festhalten, weil sie sonst verschwinden Das Gedächtnis behält Misserfolge zuverlässiger. Drei Zeilen am Tagesende – was ist gelungen, und was war mein Anteil daran – gleichen diese Schieflage aus.
- Den eigenen Anteil benennen „Es ist gut gelaufen“ hilft wenig. „Ich habe früh nachgefragt und dadurch Zeit gewonnen“ hilft, weil es eine Handlung beschreibt, die sich wiederholen lässt. Glück ist nicht wiederholbar, eigenes Handeln schon.
Erfolgstagebuch
Ein Erfolgstagebuch ist die einfachste Umsetzung dieser Erkenntnis: täglich zwei oder drei Zeilen darüber, was gelungen ist und welchen Anteil man selbst daran hatte. Wichtig sind kleine Dinge – ein Gespräch, das gut lief, eine Aufgabe, die trotz Müdigkeit erledigt wurde. Wer auf große Erfolge wartet, schreibt nie. Nach vier Wochen entsteht etwas, das in schlechten Phasen mehr wiegt als jeder gute Rat: eine Sammlung von Belegen dafür, dass es schon oft geklappt hat.
Selbstwirksamkeit, Selbstvertrauen und Selbstwert
Selbstvertrauen ist ein allgemeines Zutrauen in die eigene Person. Selbstwirksamkeit ist aufgabenbezogen – jemand kann sich ein schwieriges Gespräch mit der Leitung zutrauen und gleichzeitig keine Präsentation vor dreißig Leuten. Das ist eine gute Nachricht, denn es bedeutet: Sie lässt sich gezielt dort aufbauen, wo sie gebraucht wird. Vom Selbstwertgefühl unterscheidet sie sich grundsätzlich – dieses fragt, ob jemand wertvoll ist, Selbstwirksamkeit fragt, ob er etwas bewirken kann. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit und niedrigem Selbstwert gibt es häufig: Sie schaffen viel und trauen dem Ergebnis nie.
Kurz zusammengefasst
Selbstwirksamkeit ist die Überzeugung, eine schwierige Aufgabe aus eigener Kraft bewältigen zu können, und sie entscheidet mit über Durchhaltevermögen und Gesundheit. Nach Albert Bandura speist sie sich aus vier Quellen: eigene Erfolge, Beobachtung an ähnlichen Menschen, Zuspruch und der eigene körperliche Zustand – wobei die eigenen Erfolge mit Abstand am stärksten wirken. Aufbauen lässt sie sich deshalb, indem Aufgaben in erreichbare Stufen geteilt, Erfolge schriftlich festgehalten und der eigene Anteil daran benannt wird. Anders als Selbstvertrauen ist sie aufgabenbezogen und damit gezielt dort zu stärken, wo sie gebraucht wird.
Selbstwirksamkeit ist einer der Schutzfaktoren – der Kompass-Kurs arbeitet an allen zugleich.
Die vier Quellen als Übungen, mit Erfolgstagebuch, Standortbestimmung und einem Plan für den Alltag.




